GAUMENFREUDE TRIFFT ERLEBNISWELT – DIE KÜCHE IST EIN ORT, AN DEM LEBENSQUALITÄT STATTFINDET.
Lange Zeit war die Küche ein reiner Arbeitsraum – und klar getrennt vom Wohn- und Essbereich. Doch die ausschließlich auf das Kochen zurechtgeschnittene Küche in der engen Nische ist eindeutig von gestern.
DIE ERGONOMIE DER BEDÜRFNISSE.
1912 schrieb die amerikanische Arbeitsökonomin Christine Frederick in dem einflussreichen Ladies’ Home Journal einen Artikel mit dem Thema „Die neue Hauswirtschaft“. Frederick analysierte darin die Ergonomie des Arbeitsplatzes Küche. Mittels Stoppuhr wurden alle auszuführenden Handgriffe gemessen und die Dauer eines Arbeitsganges bestimmt und optimiert.
Die Wiener Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky übertrug den Gedanken der Arbeitsoptimierung mit der industriellen Massenfertigung auf den Wohnbau, in dem sie den Küchenarbeitsplatz nach ergonomischen und praktischen Gesichtspunkten gestaltete. 1926 entwickelte sie die sogenannte „Frankfurter Küche“ und brachte damit die ehemals große Wohnküche auf nur 6,5 Quadratmetern unter. Die Einbauküche war geboren – konsequent konzipiert als Arbeitsplatz für eine Person. (Eine – in größeren Haushalten damals durchaus noch übliche Hilfskraft – wurde in der Grundversion von Margarethe Schütte-Lihotzky explizit ausgeschlossen). Die Platzersparnis entstand vor allem durch die Ausgliederung des Bereiches, der zum Essen bestimmt ist.
Die Entstehung der Frankfurter Küche verrät viel über den Lifestyle, die Lebensqualität der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und wohl auch noch lange darüber hinaus: Zwischen Arbeit und gemeinschaftlichem Leben wurde rigoros getrennt, um die Effizienz von Arbeitskraft und Raumnutzung zu steigern. Diese schon als strikt zu bezeichnende Leistungsorientierung in der Küche legt in gewisser Weise die Verdrängung des Lustprinzips bei der Zubereitung von Gaumenfreuden nahe – ein emotionaler Luxus, den sich damals wohl aber auch kaum jemand leisten konnte. Heute berücksichtigt die ergonomische Küchenplanung die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten für gemeinsame Tätigkeiten. Geselligkeit und arbeitstechnische Effizienz schließen einander nicht mehr aus: Kochen und Essen wurde zu einer Kunstform erhoben.





