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HYGIENEKULT RELOADED

DAS BIDET FRISTET IN ÖSTERREICH NUR EIN
SCHATTEN DASEIN. ZU UNRECHT, WIE DIE AKTUELLE
ENTWICKLUNG UND EIN HISTORISCHER RÜCKBLICK
ZEIGEN.

HYGIENEKULT RELOADED

Wenn man von „Exoten des Möbeldesign“ spricht, ist
dieser Begriff zumeist mit der Herkunft aus einer mit
weißen Flecken versehenen gestalterischen Landkarte
verbunden. Im vorliegenden Fall sprechen wir jedoch
von einem Objek, welches jedem bekannt und zutiefst
europäisch ist, aber dennoch hierzulande wenig
geschätzt wird: Das Bidet. Der Grund dafür findet
sich jedoch nicht in etwaiigen hygienisch bedenklichen
Gründen der heimischen Bevölkerung, sondern
schlicht darin, dass der Österreicher ein Warm duscher
ist!
Nein, das ist nicht despektierlich gemeint, sondern
ein weit verbreiteter Fakt. Man duscht bei uns einfach
gern und ausgiebig. Was sogar als besonders ökonomisch
bezeichnet werden darf, denn eine Badewannenfüllung
entspricht immerhin drei Duschdurchgängen.
Und dennoch wäre ein Bidet ein durchaus
effizientes Zusatzangebot in der häuslichen Badeanstalt.
Ein archaisches Lexikon beschreibt die Funktion eines
Bidets so: „Ein niederes Sitzwaschbecken, welches
zur Reinigung der Genitalien, des Anus und der Füße
dient“. So weit, so pragmatisch. Doch ein Blick in die
Historie zeigt, dass das Bidet sogar ein echtes
Skandal objekt war!
EIN KLEINES PFERD ALS VERHÜTUNGSMITTEL. „How
lovely! Is it to wash the babies in?“, soll eine amerikanische
Touristin beim Anblick eines für sie bis dahin
unbekannten Bidets in einem Pariser Hotel das Zimmermädchen
gefragt haben. Dieses antwortete: „No
Madame. It is to wash the babies out!“. Dieser Dialog
liegt schon einige Jahrzehnte zurück, aber tatsächlich
galt das Bidet lange Zeit als höchst „unmoralisches“
Objekt in den Augen selbst ernannter Sittenwächter.
Weiß zumindest das MUVS zu berichten. Das „Museum
für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch“
(zu finden im 15. Wiener Gemeindebezirk, Anm.), zeigt
nicht nur frühe Varianten des Sitzwaschbeckens, sondern
weiß interessante Details zu berichten. So waren
Bidets schon in der Antike bekannt und dienten
bereits damals nicht nur der äußeren Intimpflege,
sondern auch der besonderen Intimspülung nach dem
Koitus. Ein Umstand, der im frühen 19. Jahrhundert im anglikanischen Raum als höchst unmoralischer
Akt angesehen wurde. Dementsprechend mußten
anno 1900 die soeben brandneu installierten Bidets
in den Nobelsuiten des New Yorker Hotel Ritz wieder
entfernt werden, da sich Tugendwächter intensiv darüber
beschwerten.
Den Namen hat das Bidet, so wird vermutet, von
einem französischen Möbelbauer, der Mitte des
17. Jahrhunderts das antike Sitzwaschbecken neu
definierte, indem er ein kleines Becken auf einem
Gestell montierte, auf welches man, wie bei einem
Pferd, aufsteigen musste: Bidet = kleines Pferd (altfranzösisch,
Anm.).
Aus dem „kleinen Pferd“ wurde über die Jahrhunderte
jene „toilette intime“, wie wir sie heute kennen. Ursprünglich
mit normalen Armaturen versehen, wurde
in den Sechzigern die Unterdusche zum Hit, wobei
eine Düse, mittig am Boden des Bidets angebracht,
den Wasserstrahl direkt nach oben lenkte. Aktuell wird
zumeist eine stehende Mischbatterie mit schwenkbarem
Vorderkopf verwendet und per gängigem, verschließbaren
Ablauf läßt sich das Bidet, einer Badewanne
oder einem Waschbecken gleich, auch ganz
normal befüllen.
Wenig überraschend, ist das Intimmöbel in seinem
Herkunftsland Frankreich am meisten verbreitet (in
mehr als der Hälfte aller Haushalte soll sich eines
befinden), dicht gefolgt von Italien und Portugal. Auf
wenig Interesse stößt das Bidet hingegen in Großbritannien
und Deutschland, während die Verbreitung
in Österreich gerade mal im Promillebereich liegen
dürfte.
ORIGINAL UND ALTERNATIVEN. Wer braucht ein Bidet?
Jede(r) – wäre man versucht zu sagen. Differenzierter
betrachtet spielen die persönlichen Lebensumstände
aber eine entscheidende Rolle. Wer den Großteil des
Tages außerhalb des Wohnumfeldes verbringt, wird
den Nutzwert eines Bidets weit weniger beanspruchen
als jene Mitmenschen, die Arbeit und Tagesablauf
primär zu Hause tätigen und derart die „Wäsche zwischendurch“
zu schätzen wissen. Darüber hinaus ist
das Bidet optimal für Leute mit eingeschränkter
Mobilität geeignet, besonders für jene, die Probleme
mit dem Einstieg in die Badewanne haben oder auch
wegen der Rutschgefahr in einer Dusche.
Bei allen funktionalen Vorzügen macht das Bidet aber
auch formal was her. Ob als Teil einer Bad-Kollektion oder als Doppel gemeinsam mit einem Stand- oder
Wand-WC, jeder bekannte Anbieter von Sanitärkeramik
hat das Bidet in seinem Programm. Darüber
hinaus bedarf es nicht zwingend eines großzügig
dimensionierten Badezimmers, um Platz für dieses
Zusatzmöbel zu finden. Bei einer Breite von etwa
40 cm rechnet man links und rechts jeweils 30 cm
Abstand dazu. Bei einer Tiefe von rund 60 cm benötigt
man also genau einen Meter Gesamtbreite, um es bequem
benutzen zu können. Übrigens, im Gegensatz
zur „Glaubensfrage“ – ob ein WC ins Badezimmer
gehört oder strikt sein eigenes Kämmerchen braucht
– läßt sich zur Causa Bidet festhalten: Das Sitzwaschbecken
ist ein Badmöbel und sollte daher nicht
auf die Toilette verbannt werden!
Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen,
dass man zur Intimhygiene abseits von Badewanne
und Dusche nicht zwingend ein Bidet benötigt. Die
Alternative nennt sich „Dusch-WC“. Ein sanitäre Vorrichtung
zur Aufnahme von Körperausscheidungen im
HiTec-Format. In Europa aufgetaucht sind diese erstmals
in den frühen Neunzigern, als Japan-Reisende
mit Destination Luxushotel Geschichten von Toiletten
erzählten, wo man anstelle des Klopapiers seinen
Anus per warmem Wasserstrahl reinigte bzw. diesen
gereinigt bekam. Anno 2016 ist dieser Hybrid aus WC
und Bidet das Highlight bei sämtlichen Sanitäranbietern.
Das Dusch-WC als „Verkaufsschlager“ zu bezeichnen
wäre allerdings überzogen, denn mit Preisen zwischen
1.000 bis 6.000 Euro für die gehobene bis Topklasse
spricht man durchaus den anspruchsvollen WC-User
an. Eine günstigere Variante der Hygiene-Toilette ist
der Bidet-Aufsatz, ein den handelsüblichen Dimensionen
einer Toilette entsprechender „Klodeckel“ mit
Körperreinigungsfunktion. Auch dieser kommt in der
Luxusvariante locker auf rund 800 Euro, aber in der
Minimalversion, nämlich als Spritzdüse, die man
unter halb der bestehenden WC Brille anbringt, kann
man sich der Intimdusche schon ab ca. 50 Euro hingeben.
So man es in dieser besch ... eidenen Art haben
möchte.
Zusammengefasst: Ein Bidet stellt definitiv eine Bereicherung
im Nassbereich dar und erhöht den persönlichen
Hygenieanspruch beträchtlich. Dass wir
ÖsterreicherInnen aber auch ohne dieses Zusatzmöbel
selbstverständlich ein sauberes Völkchen sind, sei
ausdrücklich festgehalten!

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